Bilanz
der vergangenen Reisesaison 2003
Das dritte Krisenjahr in Folge
2003
war das dritte Krisenjahr, in dem sich die Reisebranche nach
dem 11. September 2001, dem Irakkrieg und der anhaltenden Konjunkturflaute
zwischen Einbußen und Einbrüchen bewegte. In der Erfolgsgeschichte
des Nachkriegs-Tourismus hat es eine solche Talfahrt noch nicht
gegeben. Die Reiseintensität der Bundesbürger, die wenigstens
fünf Tage im Urlaub verreisten, hat in der vergangenen Reisesaison
einen neuen Tiefstand erreicht: 52 Prozent - im Vergleich zum
Vorjahr (54%) ein weiterer Rückgang von 2 Prozentpunkten. Immer
mehr Urlauber steigen auf kürzere Reisen von 5 bis 13 Tagen
um (2001: 20% - 2002: 26% - 2003: 28%), während der klassische
Jahresurlaub von mindestens zwei Wochen Dauer aus Kostengründen
stetig Anteile verliert. Die konjunkturelle Entwicklung verstärkt
den bundesdeutschen Trend zur Verkürzung der Reisedauer. Dies
geht aus der 20. Tourismusanalyse des Freizeit-Forschungsinstituts
der British American Tobacco hervor, in der 5.000 Bundesbürger
ab 14 Jahren nach ihrem Urlaubsverhalten 2003 und ihren Reiseabsichten
2004 befragt wurden.
Wandel
im Urlaubsverhalten Reiselust zwar vorhanden,
aber Urlaube werden immer kürzer
"Viele
Bundesbürger sitzen dennoch auf gepackten Koffern, müssen
aber gleichzeitig ihre Gürtel enger schnallen", so
Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der Leiter des Instituts. "Denn
der Trend zu kürzeren Reisen verstärkt sich weiter
und macht vor allem der Ferienhotellerie zu schaffen".
Ein grundlegender Wandel im Urlaubsverhalten der Deutschen zeichnet
sich ab: Die Urlaube werden immer kürzer. Die Aufenthaltsdauer
am Urlaubsort sinkt kontinuierlich (1980: 18,2 Tage - 1990:
16,3 Tage - 2000: 14,8 Tage - 2003: 13,4 Tage) Immer weniger
Bundesbürger können sich im Urlaub eine Zwei-Wochen-Reise
leisten (1993: 78% - 2000: 74% - 2002: 67% - 2003: 63%). Ein
spürbarer Rückgang der Reisedauer im zweistelligen
Bereich innerhalb eines Jahrzehnts. Ursachen sind weniger erlebnispsychologische
Sättigungstendenzen als vielmehr ökonomische Grenzen.
Die
Reiselust ist vorhanden, aber das Urlaubsgeld ist knapp. Dies
trifft in besonderer Weise für die Rentner zu, deren Anteil
unter den Zwei-Wochen-Urlaubern am geringsten ist (2003: 56%).
"Die Wohlstandswende hat auch den Tourismus erreicht",
so Professor Opaschowski. "Den Deutschen gelingt die Lebenskunst:
Sie retten den Urlaub, indem sie die Reisedauer verkürzen.
Mehr als jeder dritte Urlauber macht aus den schönsten
Wochen des Jahres die schönsten Tage des Jahres."
Das verändert den Reisestil grundlegend: Immer mehr Reisewünsche
müssen in kürzerer Zeit verwirklicht werden. Statt
"neuer Bescheidenheit" heißt es eher Anspruchssteigerung.
Die Urlauber stellen bei knapper werdendem Geld- und Zeitbudget
genauso hohe Ansprüche wie früher. Selbst von Billigangeboten
wird gleichwertige Qualität erwartet. Die Forderung lautet:
Qualitätsreisen zu günstigen Preisen.
"Für
die Touristikbranche hat diese Entwicklung zwei Gesichter",
so Professor Opaschowski: "Einerseits bleibt die positive
Urlaubsphilosophie stabil, andererseits sinken die Umsätze."
Hoffnungsvoll stimmt die Branche allerdings der ökonomische
Erfahrungswert, wonach der Tourismus schneller wächst als
die Gesamtwirtschaft. Der Tourismus wirkt wie eine Art Leitökonomie
mit richtungweisendem Charakter.
Geteilte
Welt auf Reisen
Kinderlose geben am meisten Geld aus
Die
Deutschen lassen sich den Urlaub durchschnittlich etwa 1.030
Euro pro Person kosten. Darin sind nicht nur die Reise- und
Unterkunftskosten enthalten. Damit müssen auch alle Nebenausgaben
wie z.B. Essengehen, Einkaufsbummel, Ausflüge und Trinkgelder
bestritten werden. Dieser Durchschnittswert sagt allerdings
wenig über die großen ökonomischen Ungleichheiten
im Reisemarkt aus.
Familien
mit Kindern müssen mit durchschnittlich 951 Euro und Rentner
mit 953 Euro pro Person auskommen. Singles geben 1.015 Euro
aus und kinderlose Paare können sich 1.177 Euro pro Person
leisten. Am meisten Geld im Urlaub geben die sogenannten "Jungsenioren"
im Alter von 50 bis 64 Jahren aus (1.204 Euro), weil sie in
der Regel keine Familie oder Kinder zu versorgen haben. Groß
sind auch die Urlaubsbudget-Unterschiede zwischen Ostdeutschen
(877 Euro) und Westdeutschen (1.069 Euro). Und geradezu Welten
liegen zwischen den Reiseausgaben bei Deutschlandreisen (743
Euro), bei Reisen in das europäische Ausland (1.116 Euro)
und bei Fernreisen (1.921 Euro).
Opaschowski:
"Der Preis wird für die Auswahl eines Reiseziels immer
wichtiger. Davon profitiert der Inlandsurlaub, zumal er nur
durchschnittlich 10,9 Tage umfasst, während beispielsweise
USA-Reisen 23,6 Tage dauern. Mit dem Urlaubsbudget haushalten
heißt, sparsam mit Geld und Zeit umgehen können."
Inlandsreiseziele
2003
Ostsee und Bayern bauen ihre Spitzenposition weiter aus
Der
schöne Sommer bescherte manchen inländischen Reisezielen
einen Zuwachs wie seit Jahren nicht mehr. Der große Gewinner
der vergangenen
Saison heißt: Deutschland - und das mit steigender Tendenz.
Die Deutschen entdecken seit der Jahrtausendwende ihre Heimat
wieder. Die Erfolgszahlen sprechen für sich: 2000: 31%
- 2001: 34% - 2002: 33% - 2003: 38%. Einen so hohen Anteil von
Inlandsreisen hatte es das letzte Mal 1998 gegeben. Professor
Opaschowski: "Für die Wiederentdeckung der Nahziele
sind gleichermaßen finanzielle und psychologische Faktoren
maßgebend. Qualität und Preis müssen stimmen.
Und auch Sauberkeit und Sicherheit müssen - neben schöner
Landschaft - gewährleistet sein."
In
Verbindung mit dem guten Wetter haben im vergangenen Jahr vor
allem die Feriengebiete an der Ostsee von der Änderung
der Reiseströme und Reisestimmungen profitiert (8,8% -
Vorjahr 2002: 7,6%), während Nordseeküste und -inseln
ihren Vorjahresstand halten konnten (2002 und 2003: je 5,3%).
Bayern zählt ebenfalls zu den Gewinnern der vergangenen
Saison (7,9% - Vorjahr: 6,5%). Die Krise des Berg- und Alpentourismus
ist überwunden. Auch Schwarzwald (+0,9 Prozentpunkte) und
Bodensee (+0,3) konnten ihre Attraktivität bei den Urlaubsgästen
festigen. Die Deutschen haben aus der Not eine Tugend gemacht:
Erdnahe, d.h. ohne Flug erreichbare Ferienziele im Inland nehmen
in der Gunst der Urlauber weiter zu.
Auslandsreiseziele
2003
Spanien auf der Gewinner-, Türkei auf der Verliererseite
Billigflieger
lassen den Flugtourismus wieder aufleben und die touristische
Krise Spaniens vergessen. Seit 1999 hatte Spanien, "das"
Auslandsreiseziel der Deutschen, permanent Einbußen hinnehmen
müssen (1999: 17% - 2000: 16% - 2001: 15% - 2002: 14%).
Das kam einem Einbruch des Anteils deutscher Gästezahlen
im zweistelligen Bereich gleich. Doch seit 2003 zeichnet sich
eine touristische Trendwende ab: Spanien ging in der vergangenen
Reisesaison wieder als unbestrittener Sieger hervor (15,9%).
Auch Portugal konnte in bescheidenem Umfang Zuwachs verzeichnen
(2002: 0,8% - 2003: 1,2%).
Alle
anderen Ferienländer hatten hingegen unter dem Konkurrenzdruck
Deutschlands zu leiden. Die Richtungsänderung der deutschen
Reiseströme vom Ausland zum Inland bekam vor allem die
Türkei zu spüren. Der Aufwärtstrend der letzten
Jahre wurde spürbar gebremst (2003: 4,0%). Im Vorjahr 2002
waren es noch 6,3 Prozent gewesen. So bleibt vorerst die seit
über dreißig Jahren bestehende Rang- und Reihenfolge
der deutschen Lieblingsreiseziele bestehen. Zum Spitzenreiter
Spanien (15,9%) gesellen sich Italien (7,6%) und Österreich
(4,6%). Danach folgen die Türkei (4,0%), Griechenland (3,2%),
Frankreich (2,5%), Skandinavien (2,5%) sowie die Feriengebiete
im ehemaligen Jugoslawien wie u.a. Kroatien und Slowenien (2,4%).
Der
Fernreisemarkt stagniert weiterhin auf niedrigem Niveau. Im
vergangenen Jahr haben mehr Bundesbürger ihren Urlaub an
der Ostsee (8,8%) verbracht als in allen außereuropäischen
Ländern zusammen. USA/Kanada (1,4%), Tunesien/Marokko (1,0%),
Ägypten (0,9%) und Karibik einschließlich Kuba und
Dominikanische Republik (0,8%) haben im Vergleich zum Vorjahr
Einbußen hinnehmen müssen. Opaschowski: "Fernreisen
bleiben als Urlaubsträume attraktiv, aber in wirtschaftlich
und politisch schwierigen Zeiten eher die Ausnahme von der Regel."
Sie werden auf lange Sicht keine Konkurrenz zu den mediterranen
und inländischen Reisezielen sein. Allenfalls Billigflieger
könnten dem Ferntourismus wieder etwas Auftrieb geben.
Tourismusprognose
2004
Silberstreif am Horizont
Die
Prognosen für das Reisejahr 2004 sind auf den ersten Blick
düster. Der Anteil der Deutschen, die mit Sicherheit auch
dieses Jahr im Urlaub verreisen wollen, ist so niedrig wie seit
über zehn Jahren nicht mehr. Zuletzt gab es im Jahr nach
der Wiedervereinigung einen ähnlich niedrigen Wert (1991:
41%). Danach steigerte sich die Reisebereitschaft der Bundesbürger
auf 49 Prozent im Jahre 2001. Seitdem ist ein Rückgang
zu verzeichnen: 2002 und 2003 waren es 47 und in diesem Jahr
sind es nur noch knapp 42 Prozent der Bundesbürger, die
auf jeden Fall verreisen wollen.
Zuversicht
gibt einzig die Tatsache, dass die Zahl der Reiseverweigerer
nicht weiter steigt: 1999: 23% - 2001: 24% - 2003: 26% - 2004:
25%. Die Hoffnung der Branche ruht daher auf den Unentschlossenen,
deren Anteil sich in den vergangenen zwölf Monaten von
26 auf 33 Prozent erhöht hat. Professor Opaschowski: "Springt
jetzt noch die Konjunktur an und bieten die Reiseveranstalter
ein gutes Preis-Leistungsverhältnis, dann kann es auch
wieder Licht am Ende des Tunnels geben".
Reiseziele
2004
Griechenland der kommende Gewinner
Und
wohin soll die Reise 2004 gehen? Die Repräsentativumfrage
des B.A.T Freizeit-Forschungsinstituts zu den für 2004
geplanten Reisezielen ergibt: Mehr als jeder fünfte Bundesbürger
mit festen Reiseabsichten will im eigenen Land bleiben (22,4%).
Alle übrigen zieht es ins Ausland. Spanien (12,6%) bleibt
der Spitzenreiter unter den Auslandsreisezielen, gefolgt von
Italien (8,4%) und Österreich (6,2%). Griechenland kann
in der kommenden Saison erstmals die Türkei verdrängen.
Die Olympiade zieht zusätzliche Gäste an. 3,2 Prozent
der deutschen Reisenden waren im vergangenen Jahr in Griechenland.
2004 wollen 5,2 Prozent ihren Urlaub dort verbringen. Griechenland
kann der Gewinner der kommenden Reisesaison werden - erstmals
noch vor der türkischen Riviera (5,1%). Weiterhin attraktiv
bleiben Kroatien und Slowenien (3,8%) sowie Skandinavien (3,2%).
Bei den außereuropäischen Zielen sind eigentlich
nur die USA (2%) und Ägypten (1,5%) gefragt. Ansonsten
bleiben Fernziele mehr Traumziele - und das heißt: mehr
Wunsch als Wirklichkeit.